Merseburger Zaubersprüche
Die Merseburger Zaubersprüche wurden nach ihrem Fundort benannt: sie wurden 1841 in der Bibliothek des Domkapitels in Merseburg gefunden. Im 10. Jahrhundert schrieb ein Mönch aus Fulda zwei Zaubersprüche aus dem 8. Jahrhundert auf.
In karolingischer Minuskel (Unter Karl dem Großen (742-814) gebräuchliche Schrift aus Kleinbuchstaben) schrieb der Mönch sie auf das leere Vorsatzblatt einer Meßhandschrift aus dem 9 Jahrhundert. Man entdeckte die Sprüche 1841 in Merseburg und nennt sie daher Merseburger Zaubersprüche.
Der erste Spruch sollte der Gefangenenbefreiung dienen.
| Eiris sazun idisi sazun hera duoder. Suma hapt heptidun, sume heri lezidum, suma clubodun umbi cuoniouuidi: insprinc haptbandun, invar vigandun. |
Einst saßen Frauen setzten sich hierhin [und] dorthin. Einige knüpften (wörtl.: hefteten) Bande; einige hielten Heere auf, Einige rissen an Fesseln: Entspringe [dem] Fesselband, entgeh den Feinden! |
Idisi sind göttliche Frauen, den Wallküren ähnlich, die als Schlachtenlenkerinnen die Gefallenen nach Walhall geleiten. Wie das Gebet will der Zauberspruch in die Wirklichkeit eingreifen, indem er die regierenden Mächte, Götter oder Dämonen, zur Handlung bewegt. Im germanischen Zauberspruch liegt die Besonderheit in einer formelhaften Verdichtung: Auf die erzählerische Einleitung und die dreigliedrige Vorbildhandlung (vgl. oben: Einige…; einige…; einige…) folgt in Befehlsform das eigentliche Mahn- oder Zauberwort.
Der zweite Merseburger Zauberspruch, der verrenkte Pferdebeine heilen soll, ist ebenso aufgebaut:
| Phol ende uuodan uuorun zi holza. du uuart demo balderes uolon sin uuoz birenkit. thu biguol en sinthgunt; sunna era suister; thu biguol en friia, uolla era suister; thu biguol en uuodan, so he uuola conda: sose benrenki, sose bluotrenki, sose lidirenki: ben zi bena, bluot zi bluoda, lid zi geliden, sose gelimida sin. |
Phol und Wodan ritten in den Wald. Da wurde dem Pferd (vgl. Fohlen) Balders der Fuß verrenkt. Da besprach ihn Frija, und Sunna, ihre Schwester; da besprach ihn Frija, und Volla, ihre Schwester; da besprach ihn Wodan, wie nur er es verstand: Sei es Knochenrenke, sei es Blutrenke, sei es Gliedrenke: Knochen zu Knochen, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, als ob geleimt sie seien. |
Ein weiteres germanisches Formelement ist der Stabreim (Alliteration). Der Stab- oder Anreim hebt die bedeutungsschweren Wörter im Vers durch gleichen Anlaut der betonten Stammsilben hervor: „hápt héptidun“ und „Éiris sazun ídisi“. Konsonanten staben nur mit ihresgleichen, während Vokale untereinander staben.
Literaturhinweise:
- Braune, W. (Hrsg.): Althochdeutsches Lesebuch. Tübingen 1968.
- Müllenhoff, K/Scherer, W. (Hrsg.): Denkmäler deutscher Poesie und Prosa aus dem VIII. - XII. Jahrhundert. Berlin 1892/1964.
- Rothmann, Kurt: Kleine Geschichte der deutschen Literatur. Reclam-Verlag, Stuttgart 1997.
- Schlosser, H. D. (Hrsg.): Althochdeutsche Literatur, Frankfurt am Main 1970.
- Wipf, K. A. (Hrsg.): Althochdeutsche poetische Texte. Stuttgart 1992.
