Literatur
Literatur kommt von lat. litteratura: Schrift, Sprachkunst, Sprachwissenschaft,
Sprachunterricht. So gesehen sind Shakespeares Sonette ebenso wie die Bedienungsanleitung
eines Videorecorders, der Liebesbrief ebenso wie der Gesetzestext, Literatur.
Zur Unterscheidung gelten im Deutschen die Bezeichnungen literarischer beziehungsweise
fiktionaler Text für die »schöne« Literatur und Gebrauchstext
für alle übrigen Texte.
Eine verbindliche Definition von Literatur (im Sinne von Dichtung) ist laut
Ansicht heutiger Literaturwissenschaftler unmöglich, da sie von den historischen
und theoretischen Zusammenhängen abhängt, innerhalb derer der jeweilige
Text eingebettet ist, und sich dadurch ständig wandelt. Bis vor fünfzig
Jahren galt die Definition: Literatur ist ein Schriftstück, das der Autor
nach ästhetischen Regeln schreibt, die man in einer Poetik (= die Lehre
von der Dichtkunst) findet.
Ursprünglich konnte Literatur im Sinne von "alles Geschriebene" sogar
Leben retten: Vom vierzehnten Jahrhundert an entschied sie in England darüber,
ob ein Verbrecher zum Tode verurteilt wurde. Konnte er einen lateinischen Psalmvers
lesen, galt er als Kirchenmann und wurde einem kirchlichen Gerichtshof überstellt.
Konnte er die Buchstaben nicht entziffern, galt er als gemeiner Krimineller
und landete am Galgen. Zur Zeit der englischen Königin Elisabeth I. konnte
etwa ein Drittel der Verhafteten so ihren Kopf retten. Erst zu Beginn des achtzehnten
Jahrhunderts wurde diese Prüfung abgeschafft, da inzwischen die meisten
Menschen lesen konnten. Diese Lesefähigkeit wurde mit "literacy" bezeichnet.
